Eine eigene ganz typische Klangsprache

Bekannt geworden besonders durch das Klavierstück MODE DE VALEURS ET D'INTENSITÉS wurde Messiaen über Nacht zum "Vater der seriellen Musik". Und doch ist er weit mehr als (nur) ein Konstruktivist. Vielmehr umfaßt sein Werk über das mathematisch-rationale Element hinaus noch viele weitere Facetten. Mit anderen wichtigen Impulsgebern der musikalischen Moderne wie den, freilich eine Generation älteren, Komponisten Schönberg, Hindemith oder Debussy (bei ihm allerdings nicht verbalisiert) verbindet ihn der Drang zur "Technik einer eigenen musikalischen Sprache". Hier steht Messiaen ganz in der französischen Tradition der Aufklärung: Klarheit und damit auch Eleganz, Erfassbarkeit einer Fertigkeit und deren Vermittlung in der Lehre.

Demgegenüber und ergänzend dazu steht Messiaens Bemühen um eine Wahrnehmungshaltung, die er selbst beschreibt mit dem Begriff des "Überwältigtseins". Hierhin gehören seine Liebe zur Natur, zu Kirchenfenstern, Edelsteinen und den "wahren Märchen des katholischen Glaubens". Wie bei anderen großen Komponisten, genannt seien Bach oder Brahms, fasziniert auch bei Messiaen die völlige Verschmelzung, die Synthese von dionysischem und apollinischem Prinzip. Eines spiegelt, ergänzt, durchdringt das andere.

Einige schlaglichtartige Stichworte mögen das Gesagte verdeutlichen und anregen zu einer weiteren Beschäftigung mit dem Komponisten: Die Einschmelzung von Vogelgesängen, von altgriechischen Versmaßen, von Hindurhythmen und rhythmischer Prinzipien des japanischen No-Theaters in das musikalische Vokabular; die Entwicklung eigener Umgangsweisen mit der Organisation von Tonskalen (Modi) und von Zeitwerten, Erfindung einer "kommunizierbaren Tonsprache", usw. Eine eigene ganz typische Klangsprache wird entwickelt.

Kompositionen mit Wiedererkennungswert

Ein Experiment verdeutlicht, wie unmittelbar Messiaensche Stilmittel zu erkennen sind. Bereits die Materialdisposition vor der eigentlichen Komposition verrät den Komponisten. Analysiert man einige typische Kompositionsprinzipien Messiaens, etwa seine "Modi mit begrenzten Transpositionsmöglichkeiten", oder das rhythmische Prinzip des "hinzugefügten Wertes" so handelt es sich hier um technisch erlernbare Bildungen (Skalen oder Rhythmen), die nach einem genau definierten Konstruktionsplan aufgebaut sind.

Ich improvisiere etwa eine Melodie im 2. Modus (Halbton, Ganzton, Halbton, Ganzton, usw.) und bediene mich bei der Harmonisierung desselben Materials; im rhythmischen Bereich tritt zu einem latent vorhandenen 4/4-Takt ein weiterer Wert, beispielsweise ein 16-tel hinzu. Als Registrierung übernehme ich die grundtonlose Obertonregistrierung im Pedal kombiniert mit der Voix céleste aus Messiaens BANQUET CÉLESTE.

Das klangliche Ergebnis ist verblüffend: Schon bei einer solch verhältnismäßig einfachen Stilkopie wird auch für Menschen, die deren Funktionsprinzipien nicht genau benennen können, immer irgendwie Messiaens Musik assoziiert. Das heißt, einzelne Elemente der hochkomplexen Kompositionsweise Messiaens haben einen so starken Wiedererkennungswert, eine solche Prägekraft, dass sie als geradezu beispielhaft für seinen Stil wahrgenommen werden.

Synästhesie, Vogelgesänge und seine Orgelmusik

Für den intuitiven, außer- und überrationalen Aspekt in seinem Werk mag hier z. B. Messiaens Fähigkeit der Farb-Ton-Synästhesie stehen. "Man beachte das Irisieren des Akkordes auf der Dominante: Man erlebt einen Übergang von Grün und Gold zu einem samtenen Blau, tiefe Violetttöne wechseln sich ab mit Orange" (aus Messiaens Kommentar Nr. 7 der NATIVITÉ). Etwas ratlos und beschämt bleibt der normal begabte Hörer weit hinter der Beschreibung des Komponisten zurück.

Ähnlich befremdend verhält es sich mit den Vogelgesängen in Messiaens Werk, mit seiner innigen visionären Religiosität oder seiner speziellen besonders entwickelten Differenzierungsfähigkeit kompliziertester rhythmischer Phänomene. Der Rezipient, wobei der Unterschied zwischen Hörer und Ausführendem nur graduell ist, befindet sich auf einer qualitativ anderen Stufe als das schöpferische Genie. (Hier ist es schließlich gleich, ob es sich bei dem Komponisten um Mozart, um Richard Strauß oder um Messiaen handelt.)

Die angemessene Grundhaltung der Annäherung an ein Werk wie das Messiaens wird daher nie "cool" oder verweigernd sein können, sondern wird bei aller Musizierfreude die der lustvoll erkennenden Demut sein. Herausgehoben aus seiner Tätigkeit als ungeheuer schaffensfreudiger Komponist von Musik nahezu aller Genres und als Lehrer am Pariser Conservatoire sei in dieser Betrachtung die Orgelmusik. Im Grunde gab es, wie für einen Komponisten der Barockzeit, für Messiaen keinen Unterschied zwischen weltlich und geistlich: Die Oper über den Heiligen Franziskus, die VINGT REGARDS SUR L'ENFANT-JESUS (zwanzig Betrachtungen über das Jesuskind) für Klavier, das sinfonische Werk ET EXPECTO RESURECTIONEM MORTUORUM und andere Kompositionen verdeutlichen diese Einheitlichkeit seines Gesamtwerkes. Gleichwohl ist die Orgel auch in Messiaens Wirken ein besonderes Instrument nicht nur, weil ihr gewöhnlicher Ort und ihre Rolle in der abendländischen musikalischen Tradition sie zur christlichen Verkündigung prädisponiert. Messiaen war selbst Organist. Er übte sein Amt an der Trinité-Kirche in Paris mehr als 60 Jahre lang aus. Dabei entstand eines der gehaltvollsten Oeuvres für Orgel überhaupt.

Lebenslang setzte sich Messiaen mit den Inhalten des Christentums auseinander. Die Sprache seiner Auseinandersetzung war die Musik. Im Hören und im Ausführen dieser Musik kann Berührung mit dem Ewigen stattfinden.

Autor: Hans-Jürgen Freitag

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